Der Tag begann ganz frühmorgens 4.30 Uhr. Auf dem Plan stand der Besuch des schwimmenden Nachtmarktes. Wir wurden mit Shikaras abgeholt und waren gespannt, was uns da in der Dunkelheit erwarten würde. Nun ja. Etwa 20 kleine Shikaras lagen an einer Brücke, die Händler quatschten und verkauften das Gemüse aus ihrem Garten. Einer lud dann ein paar Tüten voll in seine Riksha. Uns sollten Blumen, Samen und Kekse verkauft werden.

Nach einer halben Stunde trollten wir uns müde mit unseren Bootchen zum Frühstück. Erwartung und Realität lagen doch weit auseinander.

Am Vormittag lief ich in die Altstadt von Srinagar. Die Stadt ist wuselig wie wahrscheinlich alle indischen Städte. Mir hat es sehr gefallen. Viele freundliche und neugierige Blicke begegneten mir, ohne zu feilschen konnte ich Getränke und Imbiss kaufen. Vor dem Klassenraum einer Schule blieb ich stehen und hörte dem Englischunterricht zu. Darunter lag ein Geschäft, dessen Inhaber mich herein bat. Bei Tee und Keksen fragten wir uns gegenseitig über den Alltag und unser Leben in den jeweiligen Ländern aus. Er ist einer der sehr gut gestellten hier, ein Schmuckhändler. Nach einer sehr netten Stunde gab es das obligatorische Erinnerungsfoto und eine herzliche Verabschiedung.

Gegen Mittag besuchte ich die im alten Stadtteil gelegenen Moscheen Sha Hamadan aus Holz und die große und bedeutendste Jami Majid und durfte dort mit Kopftuch auch hinein. Ich setzte mich zu den Frauen und wurde von ihnen immer wieder freundlich begrüßt. Als das Gebet begann wurde ich allerdings vom Wachpersonal deutlichst hinauskomplimentiert. Es war Freitagsgebet, viele viele Moslems waren unterwegs in die Moschee, an allen Ecken stand bewaffnete Polizei und Militär und jeder wurde körperlich abgetastet.

Ich schaute mir das ganze Gelände an und setzte mich dann gegenüber in ein Café in die Frauenabteilung. Dort konnte ich in Ruhe essen und eine Cola trinken. Vom Nachbartisch schauten drei junge Frauen sehr interessiert herüber, trauten sich aber nicht, mich anzusprechen. Also ging ich hin, ich war ja auch neugierig. Es waren 3 Studentinnen, die Krankenschwestern werden wollten. Vom anderen Tisch kamen dann noch 2 Ingenieur-Studentinnen dazu. In fließendem Englisch wollten sie ganz viel über Europa, die Berufe, meine Erfahrungen in Kaschmir usw. wissen. Sie alle waren 20 Jahre jünger als ich, hatten klare Vorstellungen, was sie erreichen wollen und eine deutliche Meinung zur Politik Indiens. Allerdings keine einheitliche. Alle hätten gerne ein unabhängiges Kaschmir, über die Regierung des neuen Kaschmir und die Rolle der Religionen sind sie sich aber sehr uneinig. Rund 97% hier gehören dem Islam an. Für die anderen ist es sehr schwierig. Weg von Indien, aber nicht angeschlossen werden an Pakistan wollten die Mädchen alle.

Als wir gehen wollten hörten wir eine Detonation und Schüsse, die Mädchen blieben recht gelassen, mahnten aber, im Cafè zu bleiben. Draußen brach heftiges Getümmel aus. Es ist wohl nicht ungewöhnlich, dass es am Ende des Freitagsgebets, wenn so viele aus der Moschee kommen, kleine Angriffe gibt. Die indische Polizei reagiert schnell mit Waffen und sperrt Regionen ab. Nachdem es ein bisschen ruhiger war habe ich schnell den Platz verlassen und mich noch in den Nebengassen umgeschaut. Mit der Rikscha zurück zum Hausboot war dann lustig, der Fahrer hat mir quasi jedes Haus erklären wollen – auf Kaschmiri.

Kurze Pause bei Tee und Keksen, dann kam auch schon meine gebuchte Shikra angepaddelt.

Ich wollte an diesem Nachmittag und Abend den See und den nebenan gelegenen Dal-See per Boot erkunden. Quasi in Canadierstil paddeln hier alle herum. Die Shikara sind mal größer und mal kleiner. Meine war eine ganz kleine, alte, ohne jeden Schmuck und auch nicht ganz dicht. Manche Paddel waren in Herzform, manche einfache Bretter. Axel, diese Paddelform sollte ihr in eure Überlegungen einbeziehen! Was hunderte Inder Jahrhunderte lang nutzen kann doch nicht schlecht sein …

Die meisten sitzen ganz knapp am Ende des Bootes. Ich nahm es lieber ein bisschen mittiger. Ging gut, bloß verhakte sich das Grünzeug arg im Paddel. Rund um den Dal-See und noch ein bisschen im Neagera-See paddelte ich herum bis die Sonne ganz lange Schatten warf. Viele Hausboote und Wasservögel konnte ich mir anschauen. Auf der Insel im Neagera-See wohnten die Blumenhändler, die mich lachend heran winkten und mir ihre Hütten und Gärten zeigten. Die Kinder spielten mit den Gänsen. Kühe, Schafe, Hühner, Hunde – das war für mich ein Dorfidyll aus dem vorletzten Jahrhundert.

Advertisements